20. März 2022
Anne Elisabeth Höfler

Auch in schwierigen Situationen nicht ohnmächtig. Halt finden in einer brüchigen Welt

Krieg in Europa, globale Pandemien, Klimakatastrophen: Besorgt nehmen wir eine brüchige und unsichere Welt wahr. Bisher geltende Fixpunkte und Orientierungen sind nicht mehr verlässlich, Unsicherheiten und Ängste nehmen zu. All dies gilt natürlich nicht nur für unser Privatleben. Chaos und Verwerfungen machen auch vor der Arbeitswelt nicht Halt.

 

 

Der (berufliche) Alltag fordert

In Klausuren wurden zwar Strategien vereinbart, Jahrespläne ausdifferenziert und auf den operativen Bereich heruntergebrochen, die erlebte Wirklichkeit macht jedoch Pläne und langfristiges Planen vermehrt obsolet. Oft geht es darum im Hier und Heute durchzukommen. Wir sind gefordert für scheinbar unlösbare Aufgaben Lösungen zu finden.

Unsere gewohnten linearen Vorgangsweisen sind meistens nicht mehr ausreichend um mit aktuellen Herausforderungen umzugehen. Anders denken ist gefordert! Die Metapher von den 17 Kamelen und die Lösung über das 18. Kamel beschreibt sehr schön, wie wichtig es ist, ab und an den vertrauten Denkrahmen zu verlassen und neue Blickwinkel einzunehmen. So werden Lösungen ermöglicht und damit Klarheit geschaffen.

Fotocredit: Anne Elisabeth Höfler

Geschichte von den 17 Kamelen

Es ist lange her, da lebte im Orient ein reicher Mann. Er hatte siebenzehn Kamele, sie waren sein ganzes Vermögen. Und er hatte drei Söhne. Als der Mann seine letzte Stunde nahen sah, bestimmte er: sein erster Sohn bekommt die Hälfte, sein zweiter Sohn ein Drittel, sein dritter Sohn ein Neuntel seines Vermögens. Einzige Bedingung: kein Tier durfte bei der Erbteilung getötet werden. Dann starb der Vater.

Die Söhne machten sich an die Teilung des Erbes. Und sie sahen: es geht nicht, sie konnten die Bedingung des Vaters nicht erfüllen.  Als sie so miteinander stritten, kam des Weges auf seinem Kamel ein Derwisch. Die Söhne klagten ihm ihr Leid. Der kluge Derwisch überlegte einen Augenblick, dann sagte er: Ich werde euch helfen.

Er stellte sein Kamel neben die siebenzehn Kamele des Vaters: es waren dann achtzehn. Dem ersten Sohn gab er nach dem Willen des Vaters die Hälfte, das waren neun Kamele, dem zweiten Sohn ein Drittel, das waren sechs Kamele, dem dritten Sohn ein Neuntel, das waren zwei Kamele.

9 + 6 + 2 macht 17 Kamele. Bleibt 1 Kamel übrig: es war das Seine. Der Derwisch nahm es und zog vergnügt seines Weges. Die Söhne waren glücklich.

 

Nacherzählt von Elisabeth Ferrari

 

 

Was lehrt uns diese Geschichte?

Es gibt immer eine Lösung! Vielleicht nicht unbedingt die zunächst Erwünschte, aber jedes Problem trägt die Lösung in sich. Man muss sie nur finden. Manchmal braucht es das Heraustreten aus dem vertrauen Denkrahmen damit neue Ideen und Handlungsmöglichkeiten auftauchen, die uns wieder in die Souveränität bringen. Das geht nicht immer alleine, im Dialog mit Anderen eröffnen sich leichter neue Einsichten.

Dass zuweilen der Weg das Ziel ist, formuliert Albert Einstein in einem seiner berühmten Sätze: „Das Problem zu erkennen ist wichtiger, als die Lösung zu erkennen, denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung.“  Noch treffender beschreibt er: „Wenn ich eine Stunde habe, um ein Problem zu lösen, dann beschäftige ich mich 55 Minuten mit dem Problem und 5 Minuten mit der Lösung.“

Fotocredit: Anne Elisabeth Höfler

 

Jede*r hat schon schwierige Situationen im Leben und in der Arbeit gemeistert. Dabei haben wir viel an Erfahrung gewonnen, die uns immer als Ressource zur Verfügung steht! Wenn wir an dieser Ressource andocken, können wir manche konkrete Situation stabilisieren, begreifbar machen und ins Handeln kommen. Und das gibt uns wieder Sicherheit!

Gerade wenn aktuelle Situationen uns durchrütteln, gilt es sich folgendes immer wieder in Erinnerung zu rufen: Wir sind nicht ohnmächtig oder gar haltlos! Sich immer wieder fest verwurzeln schafft Stabilität und lässt trotzdem ein gewisses Maß an Beweglichkeit in alle Richtungen zu. Flexibilität, Vertrauen und Zuversicht sind wichtiger denn je, um nicht ins Bodenlose zu fallen.

Impulsfragen für einen ersten Halt:

  • Welche Aufgabe ist heute an der Reihe? Was kann und soll ich jetzt tun? Welcher Schritt ist der erste? Welcher folgt?
  • Wenn ich wie ein Vogel über meinen Wirkungs- und Verantwortungsbereich fliege: Was sehe ich? Was nicht? Was löst das bei mir aus?
  • Wenn ich mein wichtigstes Ziel (derzeit) nicht erreichen kann: Welches ist das Zweitwichtigste? Oder das Drittwichtigste?