7. Juni 2021
Anne Elisabeth Höfler

Lernen aus der Krise. Trotz Erschöpfung innehalten und schauen was ist und was sein soll.

Die COVID-19-Pandemie hat uns schon viele Monate im Griff. Wer hätte gedacht, dass wir so lange unseren Alltag und unsere Arbeitswelt nach Inzidenzen und Pandemiekurven ausrichten müssen. Um halbwegs gut durch diese Zeit zu kommen und unser Kerngeschäft zu erledigen, mussten wir Herausforderungen aufgreifen, Lösungen suchen, Überraschungen zulassen, uns der Überforderung stellen und Unsicherheiten aushalten – kurz gesagt uns sehr stark anpassen. Es ist bzw. war eine intensive Phase des Lernens.

Jetzt scheint es so, als ob wir eine wichtige Etappe gegen das Virus gewonnen haben und wieder selbstbestimmter agieren können. Ein Aufatmen ist auf allen Ebenen spürbar. Doch wie können bzw. sollen wir weitertun? Anknüpfen an ein DAVOR? Wir wissen, dass das nicht geht, da wir Erfahrungen und Gelerntes nicht einfach ungeschehen machen können.

Im Gesundheits- und Sozialbereich ist die Erschöpfung der Mitarbeitenden eklatant. Mit hohem Einsatz und unter erschwerten Bedingungen wurde das Kerngeschäft erledigt: Patient*innen versorgt, Bewohner*innen betreut und Kund*innen in ihrem herausfordernden Alltag begleitet. Zusätzlich musste nebenbei gelernt werden digital zu kommunizieren, kreativ zu agieren und selbstbestimmt(er) Entscheidungen zu treffen.

Bei vielen Mitarbeitenden ist - salopp gesagt - die Luft draußen.

Doch gerade jetzt sollten wir innehalten um Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Krisenzeit Raum zu geben und Weichen für die Zukunft zu stellen. Es gilt zu würdigen was gut gelungen ist, zu analysieren was nicht (gut) gelungen ist und daraus Schlüsse zu ziehen. Die Krise als Ausnahmesituation wirkt wie ein Vergrößerungsglas, durch das sich menschliches Handeln und Verhalten, Strukturen und Prozesse deutlich(er) erkennen lassen.

Auch die Welt hat sich weitergedreht. Menschen, Organisationen und Kontexte haben sich wahrnehmbar verändert. Die „alte Ordnung“ wird nicht mehr passen, trotz all der Sehnsucht nach dem Leben davor. Jetzt ist eine gute Zeit (Kairos) um zu reflektieren und sinnvolle Veränderungen aktiv anzustoßen.

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“
lautet eine Grundweisheit, die Aristoteles zugeschrieben wird.

Photo by Tim Gouw on Unsplash

Für Sie als Führungskraft

stellen sich nun viele wichtige Fragen:

Wie wollen Sie die Segel nach der Pandemie setzen?
Wie haben Sie das letzte Jahr erlebt?
Wie hat die Pandemie Ihr Team und/oder Ihre Organisation verändert?
Was wollen Sie beibehalten, was ändern?

Untenstehende Fragen mögen Sie (und Ihr Team) in Ihrer Reflexion unterstützen um für die nächste Krise besser gerüstet zu sein:

# Strukturen:
Die Krise hat das formale und informelle Regelwerk auf den Prüfstand gestellt. Inwieweit sind unsere Strukturen transparent und agil genug um rasch und effektiv agieren zu können? Wieviel Kreativität lässt das Spannungsfeld von Chaos und Ordnung zu?

# Ziele und Strategien:
Die Frage nach den wirklich wichtigen Aufgaben und Prozessen hat sich unter herausfordernden Bedingungen neu gestellt. Sollten wir unsere gewohnte Ausrichtung umdenken? Sind die aktuellen Prozesse passend, um den Kernauftrag zu erfüllen oder sollten wir uns besser neu ausrichten?

# Kultur des Miteinanders:
Vieles ist im digitalen Raum möglich geworden, doch gleichzeitig braucht es persönliche Begegnungen. Wie wollen wir das zukünftig gestalten? Wie stabil ist die Solidarität miteinander? Wie ausgeprägt ist ein der Aufgabe angemessenes WIR-Gefühl? Inwieweit werden Ängste und Emotionen zugelassen?

# Kommunikation:
Wir haben rasch gelernt im Remote Modus Informationen einzuspeisen und abzurufen. Was sollte hier auch zukünftig beibehalten werden? Sollen wir stärker in Digitale Kompetenz investieren? Welche Ausstattung würden wir dafür brauchen?

# Räume & Ressourcen:
Homeoffice am Küchentisch als Rückschritt in die vormoderne Zeit oder doch ergonomisch und gut ausgestattete Arbeitsplätze mit klarer Trennung zwischen Privat- und Berufsleben? Wie und wo wird der passende Arbeitsplatz zu gestalten und auszustatten sein?

# Entscheidungen:
In der Pandemie haben Mitarbeitende die Erfahrung gemacht, dass sich ihr Entscheidungsraum vergrößert hat. Können und sollen wir das auch in Zukunft so beibehalten?

# Zeitgestaltung:
Mitarbeitende haben erfahren, dass sie die Arbeitszeiten flexibler und selbständiger gestalten können. Wollen/sollen wir das beibehalten?

# Resilienz:
Die Krise ist bzw. war auf vielen Ebenen herausfordernd. Wie stark sind unsere Widerstandskräfte? Wie gut können wir mit Unsicherheiten umgehen und Störungen antizipieren?

# Führung & Management:
Die Krise hat Digital Leadership und Führen auf Distanz hervorgebracht. Was bedeutet wirkungsorientiertes Führen in und nach der Krise? Inwieweit können wir die in der Krise erfahrene Improvisationskultur und Kreativität weiterhin pflegen und trotzdem genug Sicherheit und Stabilität gewährleisten und vermitteln?