18. Oktober 2021
Anne Elisabeth Höfler

Über das Gehen - Denken mit den Füßen

„Alle wahrhaft großen Gedanken kommen einem beim Gehen“, lautet ein berühmtes Zitat von Friedrich Nietzsche. [1] „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“, riet der Philosoph, denn das Sitzfleisch sei „die eigentliche Sünde wider den Heiligen Geist“ (ebd.).

Klüger im Gehen

Die Erfahrungen, die Nietzsche niedergeschrieben hat, sind uralt. Dass Laufen klüger macht, glaubten schon die Peripatetiker („Umherschlenderer“) im alten Griechenland. In unserer Zeit hat die Hirnforschung, (z.B. Neurowissenschaftler Gerd Kempermann) den Zusammenhang der Rhythmen von Gehen und Denken nachgewiesen. Wie es scheint, werden wir im Gehen klüger! Was z.B. sehr schön in der deutschen Sprache mit dem Wort FortSCHRITT ausgedrückt wird.

„Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen.“
Der Philosoph Friedrich Nietzsche beschäftigte sich intensiv mit den Vorteilen des Gehens

Fotocredit: Anne Elisabeth Höfler

Fort-Schritte - auch in der Arbeit

Für den Kontext Arbeit bedeuten die oben erwähnten Erkenntnisse, dass wir uns öfters aus dem (Büro-)Sessel erheben sollten. Das tut nicht nur dem Körper gut. Wir brechen dabei Routinen auf und verändern sofort unsere Perspektive!

Kontextwechsel

Besonders nachhaltig erleben wir die Wirkung des Zusammenklangs von Gehen und Denken, wenn wir das gewohnte Arbeitsumfeld wie bspw. das Büro oder den Home-Office-Platz temporär verlassen. Wir wechseln das bekannte Terrain und plötzlich tauchen neue Gedanken auf. Der Kopf wird frei für neue Ideen! Das ist einer der Gründe, warum Führungskräfte und Teams ihre Klausuren (weit) weg von der vertrauten Arbeitsumgebung durchführen.

Vielleicht lässt sich auch im Arbeitsalltag manche Besprechung und das eine oder andere Gespräch im Nebeneinandergehen durchführen? Man hört einander besser zu, weil man einander nicht anschaut, das erleichtert Themen zur Sprache zu bringen. Und dabei entstehen neue Perspektiven.

Direktes persönliches Kommunizieren miteinander

Wir sitzen viel vor dem Computer, geben Anweisungen per E-Mail, sprechen über das Handy  miteinander und führen digital. Die Erfahrungen des durch die Pandemie forcierten Home-Offices hat die Bedeutung der direkten Kommunikation wieder in den Blick gebracht. Trotz all der wunderbaren Möglichkeiten, die uns die digitale Welt eröffnet, haben wir erfahren wie wertvoll persönliche Begegnungen und das direkte Reden miteinander sind!

Vielleicht sollten wir wieder vermehrt die alte Management Methode aus den 80er Jahren – das Management by Walking Around (MBWA) – pflegen: Herumgehen am Arbeitsplatz, Hingehen dort, wo die Mitarbeitenden tätig sind und in allen Bereichen direkt mit ihnen sprechen. Dabei ist es wichtig, den persönlichen Kontakt unstrukturiert und informell und dennoch regelmäßig und berechenbar zu ermöglichen. Werden kleine Probleme unmittelbar gelöst, können sie nicht zu tiefsitzenden und komplexen Belastungen anwachsen.

Und, wie halten Sie es mit dem Gehen?

Wann haben Sie das letzte Mal eine Runde durch das Haus/Büro oder die verschiedenen Einrichtungen gedreht? Sich an der Kaffeemaschine mit Mitarbeitenden und Kolleg*innen unterhalten? Die Kontaktbarriere, die formale Meetings darstellen, unterbrochen?

Wenn Sie regelmäßig zu den Mitarbeitenden und den Kolleg*innen gehen und mit ihnen ins Gespräch kommen, werden Sie den Puls ihres Teams und den der Organisation besser wahrnehmen. Ein direkter offener Austausch vermittelt Präsenz der Führungskraft und zeugt von Respekt und ehrlichem Interesse an der Sicht der Anderen. Halten Sie sich auch an die Regeln und Vorschriften, die im Team und  im Unternehmen gelten, dann werden Sie als Vorbild erlebt, was für die Vertrauensbildung essentiell ist.

Gerade in unserer digitalen Welt ist es wichtig, dass  Sie Präsenz zeigen.  Machen Sie das Gehen zu Ihrer Routine.

[1] In: Ecce Homo 1889