6. Juli 2022
Anne Elisabeth Höfler

Verzicht. Aspekte zu einer optimistischen Annäherung

Kennen Sie das? Sie stehen im Büro vor der Ablage, die sie schon längst ausmisten sollten oder zu Hause vor dem Kleiderkasten. Solange Platz ist, wird dazugegeben, und erst wenn es gar nicht mehr geht, wird aussortiert. Dass das nicht immer sehr leicht geht, kann viele Gründe haben. Es ist doch alles irgendwie wichtig, noch brauchbar, war teuer oder ist mit wundervollen und/oder wichtigen Erinnerungen verbunden.

Außerdem fehlt zum (Aus)Sortieren der vielen Sachen oder Tätigkeiten oft die Zeit und Muße. Der Kalender ist durchgetaktet und die wenigen Lücken werden durch spontane und dringende Termine bzw. Erledigungen gefüllt.

 

 

Fotocredit: Anne Elisabeth Höfler

Angenommen wir hätten mehr Zeit zur Verfügung. Was würden wir tun?

Die Gigabytes des Computers lösen zwar unser Platzproblem bei Ablagen und das www ermöglicht jederzeit und überall in die unendlichen Weiten der Daten einzutauchen. Doch nun machen wir die Erfahrung, dass noch mehr Unterlagen, noch mehr Wissen und noch mehr Daten nicht automatisch mehr Orientierung erzeugen. Im Gegenteil: Die Fülle die sich uns bietet kann auch überfordern und macht Entscheidungen nicht einfacher.

 

Das rechte Maß: Überfluss versus Mangel

Vielleicht kann uns in diesen Zeiten das alte philosophische Modell vom „rechten Maß“ Orientierung geben. Aristoteles meinte damit die Tugend zwischen Überfluss und Mangel. Eine Form der Mitte, die relativ ist, also von der Person entschieden wird, die es betrifft.
Doch wie kommen wir vom Überfluss, dem Zuviel, ins rechte Maß? Ein Weg kann der Verzicht sein!

Mögliche Formen des Verzichtes:

  • Quantitativ – Ich reduziere das Zuviel, das Übermaß, um mich zu entlasten. Ich sortiere aus, gebe ab, lasse weg etc.
  • Qualitativ Ich verzichte, damit Platz für Wichtigeres geschaffen wird. Ein Stattdessen.
  • Prozesshaft – Ich überlasse mich dem Prozess des Verzichts an sich, auch wenn ich das Stattdessen nicht weiß. Es muss auch nichts Neues/Anderes auftauchen.

Die Frage nach dem Motiv des Verzicht-Handelns ist in diesem Zusammenhang ebenso interessant: Verzichte ich um meiner selbst willen (egoistisch) oder zum Wohle der Anderen (altruistisch)?

Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt“, sagt der Philosoph Martin Heidegger.

Fotocredit: Anne Elisabeth Höfler

Verzicht im Kontext Arbeit:

Was könnte gemeint sein?

  • Konzentration auf das wirklich, wirklich Wichtige!
  • Nicht alles machen, was ich machen könnte – sondern das Wesentliche tun!
  • Sich auf den Sinn (und das Ziel) der Aufgabe konzentrieren!

Wie könnte das gehen?

  • Mindestens 1x jährlich „Inventur“ durch Klausur und/oder MAG: Im Blick auf die Kernaufgabe mutig nicht wertschöpfende Prozesse eliminieren.
  • Laufend bei jeder Aufgabe fragen: Was ist das Ziel? Passt das, was ich jetzt gerade tue, dazu? Im Zweifel weglassen.
  • Nicht zu perfekt sein wollen!
  • Neue Ideen nicht unhinterfragt übernehmen. Warum-Fragen stellen.
  • Vereinfachen und auf Weniges beschränken.
  • Prioritäten setzen und das Paretoprinzip anwenden
  • Limits für den Aufwand von Tätigkeiten setzen und Kosten-Nutzen abwägen

Führungskräften kommt dabei eine zentrale Rolle zu:

  • Indem Sie Sinn und Ziele klar und nachvollziehbar kommunizieren, auf die Wirksamkeit hin überprüfen und selber Vorbild sind.
  • Mitarbeitenden ermöglichen in weitgehender Selbstverantwortung und Autonomie zu arbeiten und Regeln auf das Wesentliche beschränken.

Impulsfragen

  • Was ist der Sinn (das Ziel, das Wesentliche) meiner Tätigkeit?
  • Warum tue ich das, was ich tue?
  • Worauf könnte ich daher verzichten?